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Gleichwertigkeit lebbar machen

Heidrun Hollederer, Elektro-Technikerin, Betriebsrätin und seit Dezember 2009 Soroptimistin im Interview mit Angelika Franzen.
 
 
A:      Erst mal schönen Dank für den kurzfristigen Termin, denn wie ich nun so nach und nach herausfinden konnte, bist Du ja eine überaus vielbeschäftigte Frau. Gestern las ich in der Zeitung, daß Du bei der AWO (Arbeiterwohlfahrt) als Rentenberaterin tätig bist – wohl so nach dem Motto: „des bissla machmer a nu mid“?
 
H:      (lacht)…ja, das mache ich ehrenamtlich. Im Betriebsrat sind Fragen zur Rente auch immer ein Thema und so bot es sich an, (zum Versichertenberater wird man berufen) daß ich mich hier weiterbilde und engagiere…

A:      ..wobei wir schon mitten drin sind im Thema. Doch zum Anfang: als ich das erste Mal von Dir hörte, nämlich daß eine sehr engagierte Freundin einer Clubschwester an unserer Clubarbeit Interesse hätte und ich Dich dann sah – so frisch, fröhlich, jugendlich – dachte ich mehr an den sozialen Bereich mit Kindern oder so, aber nein, eine Elektrotechnikerin und Betriebsrätin stellte sich vor. Da steckt doch bestimmt eine spannende Geschichte dahinter. Erzähl doch mal.
 
H:      Nun ja, wenn ich so drüber nachdenke, Langeweile kam nie auf.
Mein Vater kam nach dem Krieg aus Ostpreußen…
 
A:      …von einem der malerischen Güter?
 
H:      Mehr oder weniger, aber das ist eine andere, durchaus schillernde Geschichte. Er verliebte sich in meine Mutter, die beiden heirateten; meine Mutter stammte aus einem Bauernhof in Kauernhofen bei Eggolsheim. Ich bin die älteste von fünf Geschwistern – alles Mädchen und da hieß es mit anpacken. Unser Vorbild war hier unsere Großmutter, die auch schon in einem wie es heute so schön heißt ‚frauendominierten‘ Haushalt aufwuchs.
 
A:      Und wie ging Dein Vater damit um? Wie fand er seine ‚Nische‘? Ich denke mal über solche Ausdrücke hat man früher eher nicht nachgedacht…
 
H:      …bestimmt nicht. Mein Vater sah das wohl ganz entspannt. Er begann als Maurer auf dem Bau, arbeitet sich zum Polier hoch und – worauf er sehr stolz war – wurde Spezialist für Treppenschalungen, später war er als Fernfahrer unterwegs. Wir wohnten in Forchheim, da bin ich auch geboren. Oft waren wir zu Besuch oder auch zum Helfen auf dem Bauernhof bei meines Onkels. Der Bauernhof wurde ja mehr und mehr zum Nebenerwerb…
 
A:      …und Du Elektrotechnikern. Was brachte Dich denn auf diese Idee? Als Du beim Stromverlegen auf dem Hof warst?
 
H:      Du wirst lachen, das konnten wir. Nur so ‚im Büro sitzen‘ konnte ich mir nicht vorstellen, Strom fand ich im wahrsten Sinne des Wortes spannend und so begann ich 1977 beim damaligen Siemens UB Med die Ausbildung zur Ferngeräte-Elektronikerin. Wir fertigten damals z.B. Melder für die Wachstationen in Kliniken. In den achtziger Jahren kam dann immer mehr elektronische Datenverarbeitung hinzu.
 
A:      Meine Güte – 30 Jahre. Warst Du damals nicht ‚Exot‘ in der Männerwelt?
 
H:      Nicht unbedingt, wir waren damals schon einige Frauen in diesem Ausbildungszweig und waren sehr stolz auf unseren Abschluß. Wir „wußten ja alles“, die Welt stand uns offen – meinten wir, als wir uns für den Außendienst bewarben. Die erste Ernüchterung kam, von unserem wohlmeinenden Meister: „Die schönen Länder haben die Männer schon unter sich aufgeteilt, in die anderen lassen sie Euch nicht rein“.
 
A:      Ein Schlüsselerlebnis.
 
H:      Kann man so sagen. Aber das tat meiner Freude am Beruf keinen Abbruch, ich hatte viele interessante Projekte.
 
A:      Wie wurdest Du dann Betriebsrätin?
 
H:      Ich war schon früh Mitglied in der IG Metall. Auch hier Vorbild Oma: die Solidarität mit einander. Die Bauern haben den Bauernverband, die Arbeiter die Gewerkschaft, wobei mein persönlicher Schwerpunkt jetzt nicht – überspitzt ausdrückt – das Fahnenschwingen war, sondern das Mitwirken für sichere Arbeitsbedingungen und ein nicht nur gleichberechtigtes sondern auch gleichwertiges Miteinander.
 
A:      Seit 26 Jahren bist Du nun eine von 35 Betriebsräten im Healthcare Sector bei Siemens. Was umfaßt Dein Aufgabengebiet?
 
H:      Die Interessensvertretung der Arbeitnehmer. Ich bin freigestellte Betriebsrätin und Mitglied im geschäftsführenden Ausschuß des Betriebsrates. Des Weiteren bin ich Ansprechpartnerin für Datenschutz- und Informationssicherheit und die Vertretung schwerbehinderter Menschen im Betrieb (dieser Titel wurde vom Sozialgesetzbuch IX kreiert).
 
A:      Was sind das genau für Interessen? Mehr Lohn, gerechte Behandlung? Wie sieht es denn – gerade jetzt in der Krise – bei den Frauen aus?
 
H:      Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind mittlerweile geschaffen. Was aber nach wie vor ein wichtiges Thema gerade für Frauen im Beruf ist, ist das Vereinbaren von Beruf und Familie. Das ist ein nicht enden wollender Punkt mit vielen Herausforderungen in meiner Beratungstätigkeit. Viele Frauen stellen ihren Kinderwunsch aus Angst um den Arbeitsplatz oder Benachteiligung zurück oder bleiben anstatt ein oder zwei Jahre nur noch sechs Wochen nach der Geburt zu Hause.
 
A:      Hatten wir nicht mal Frauenförderung, gleichberechtigten Arbeitsplatz oder so?
 
H:      Ja natürlich. Wie gesagt, vom Gesetzgeber ist alles geregelt, in der Praxis sieht’s halt immer noch anders aus wie zum Beispiel bei den Potentialzusagen. Das ist quasi ein Förderungsfahrplan…
 
A:      …also nach dem 1. Jahr im Führungsgespräch für z.B. Mitarbeiterführung, darauf aufbauend Einsatz, etc.?

 
H:      Ja genau. Doch irgendwie verwäscht sich oft das Ganze gerade wenn ‚die Gefahr besteht‘, daß die Frau an Familiengründung denken könnte. Das andere große Thema sind die Arbeitszeiten und die Einsatzorte. Eine Mutter, die zu einer bestimmten Zeit beim Kindergarten sind muß, kann nur bedingt ‚flexibel‘ sein und Arbeitszeit aufbauen. Das wird immer noch zum Nachteil ausgelegt. Hier versuche ich zu vermitteln.
 
A:      Wie hast denn Du das in Deiner Familie bewältigt? Du warst doch auch immer berufstätig?
 
H:      Durch Schaffung und Nutzung eines Netzwerks, das mir sehr lieb und oft auch teuer war. Zusammen mit meiner Schwester hatte ich ein Kindermädchen und auch immer eine Hilfe im Haushalt. Die starke Frau in unserem Rücken war unsere Mutter, auf die konnten wir uns immer verlassen. Damit konnte ich mir einen beruflichen Freiraum schaffen und erhalten. Ja klar, gerade am Anfang war dies mit finanziellen Opfern verbunden, doch im Nachhinein war es eine gute Strategie.
 
A:      Mann und Kindlein haben keinen Schaden genommen?
 
H:      Nein, nein ganz im Gegenteil, alle sind stolz auf ihre Selbständigkeit.
 
A:      Und bestimmt auch Du als Frau und Mutter.
Zurück zu den ‚Frauen heutzutage‘. Welche positiven Veränderungen konntest Du in den 26 Jahren Betriebsratstätigkeit feststellen?
 
H:      Wie schon bemerkt sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen vorhanden und auf deren Basis können wir agieren. Frauen sind besser ausgebildet und gebildeter, haben Chancen wie nie –  aber möglicherweise kein Frauenbild in dem sich Karriere, Familie und Partnerschaft vereinbart -  und sind deshalb oft verunsichert,  wie sie es angehen sollen.
 
A:      Und hier heißt es Wege finden.     
          ‚Zwischen Kochtopf und Business‘ heißt ein Kurs, den Du in Deiner Eigenschaft als   Resonanz-Coach anbietest. Wie kamst Du denn dazu?
 
H:      Im Zuge von Weiterbildungen, um mit Vorgesetzten und Management umgehen zu können. Denn meine Devise war immer ein respektvolles und gleichwertiges Miteinander. Konfrontation führt selten zu einer Lösung. Dabei lernte ich die Kurse von Frau Dr. Kutschera kennen und ließ mich zum Trainer und Coach ausbilden, was mir sehr in meiner Arbeit hilft (www.kutschera.org).
 
A:      Was bietest Du hier an?
 
H:      Themen sind zum Beispiel:
·         Alte Muster erkennen und zu neuen Rollen wirksam ergänzen
·         Spiele in der Kommunikation erkennen und auflösen
·         Teufelskreis von Verletzungen und Mißverständnissen beenden
·         Neue Rollenbilder für Beruf und Privat finden
·         Mit Freude zur Arbeit – mit Freude nach Hause
 
A:      Wo ‚hakt‘ es bei den Frauen immer noch? Du weißt worauf ich anspiele…
 
H:      … auf ein funktionierendes Frauennetzwerk. Das vermisse ich auch hier im Betrieb.
 
A:      Was erwartest Du von den Soroptimistinnen bzw. wie möchtest Du Dich einbringen?
 
H:      Mein hehres Ziel ist ein gleichwertiges Miteinander zwischen Frauen. Bei Forchheim-Kaiserpfalz möchte ich meine Erfahrung in der Adalbert-Stifter-Schule, unserem Projekt, einbringen. Ich möchte zur nachhaltigen Förderung von Schülerinnen beitragen, sie begleiten, Mut machen. Ich weiß, es gibt da schon Ansätze von Club-Schwestern, vielleicht können wir hier gemeinsam etwas auf die Beine stellen, das über finanzielle Spenden hinausgeht.
 
A:      Die letzte Frage liebe Heidrun: Wo tankst Du auf? Was gibt Dir Energie?
 
H:      z.B. bei einem Spaziergang im Kellerwald oft auch bei gemeinsamen Spaziergängen und Gesprächen mit meinem Mann. Aber weißt Du, wenn ich einem Mitarbeiter helfen konnte, das sind auch immer wieder kleine Energieschübe lt. der Devise: Mit Freude zur Arbeit – mit Freude nach Hause.
 
A:      Vielen Dank für das nette Gespräch.
 
Februar 2010
 
 
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